Perspektive-Interview: The Boy Who Wouldn't Kill


Ein Bekenntnis zum Kino

Anna und Linus de Paoli haben gemeinsam des Drehbuch zu The Boy Who wouldn't Kill geschrieben. Linus hat Regie geführt, Anna produziert. Im Interview sprechen sie über die Entstehung dieser post-apokalyptischen Vater-Sohn-Geschichte und ihre nächsten Pläne.

Euer Film ist ja eine Vater-Sohn-Geschichte in einer Welt nach der Apokalypse. Was wolltet ihr zuerst machen: Einen Film über die Post-Apokalypse oder eine Vater-Sohn-Geschichte?
Linus: Die Grundidee ist von Anna. Wir schreiben immer zusammen.
Anna: Ich habe ein bisschen rumgespielt mit Dingen, von denen ich wusste das Linus sie interessant findet. Da kam ich auf die Vater-Sohn-Geschichte und auf das Thema Gewalt. Und der Auslöser war eine Anekdote: Ein Freund von mir war als Austauschschüler in den USA mit seiner Gastfamilie in Alaska. Da war es sehr abgeschieden - kein Internet, kein Telefon, aber viele wilde Tiere Bären usw. Dadurch war er ziemlich angespannt. Als er nachts Geräusche gehört hat, ist er nachts raus und stand auf einmal vor dem geladenen Gewehr seines Gastvaters, der auf Bären gelauert hat. Und so kam ich auf die Idee einer Familie, die abgeschieden in einer sehr brutalen Welt lebt. Der Vater übernimmt die Rolle des Verteidigers und der Sohn hat eher Angst. Als zweite Idee kam hinzu, dass der Sohn mit einem Gefährt flüchten will und am Vater vorbeikommen muss.

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Und wie habt ihr diese Ideen dann diskutiert?
Anna:
Linus war erst gar nicht so angetan. Die Geschichte spielte erst im Wald und das hat ihn nicht angeturnt. Er fand die Idee nicht schlecht, aber wollte eher eine Wüste nach der Apokalypse, so ein bisschen was wie Mad Max.
Linus: Und ich wollte keine Bären, sondern Wüstenpiraten und die Flucht auf einem Motorrad. Ich habe gar nicht über die Machbarkeit nachgedacht. Ich habe mir nur gedacht: Wenn es das alles noch gäbe, dann würde die Idee gefallen.
Anna: Ich bin ja Drehbuchschreiberin und Producerin. Wir spinnen auf der Drehbuchebene erstmal einfach rum und ich kann es dann als Producerin ausbaden (lacht). Beim Schreiben heißt es, anything goes.

Wie ging es dann weiter?
Linus:
Es war schon ziemlich klar, wer im Team sein würde. Wir hatten beim unserem vorherigen Film Gray Hawk ein Superteam, einen sehr guten Kameramann mit Luciano Cervio usw. Wir wollten das mit einem ähnlichen Team wieder machen. Deswegen war es auf der technischen Seite nicht so schwer. Es war deutlich mehr zu tun und daher eine größere Crew notwendig. Aber im Großen und Ganzen wußten wir, wir können auf alte Bekannte zurückgreifen. Schwer waren die Details, vor allem die Location für den Dreh zu finden. In Spanien kann man sowas drehen, abeer das können wir nicht bezahlen. Dann sind wir auf Polen gekommen, wo viele osteuropäische Western gedreht wurden, aber das war zu schön. Von einem Kollegen haben wir dann von der Tagebauregion in der Lausitz erfahren, sind dahin und waren begeistert. Einen konkreten Ort zu finden, war nicht so einfach, weil ja keine Fahrspuren, Geräte usw. zu sehen sein durften.
Anna: Und dann musste ja noch eine Hühnerfarm her. Aber wir waren sehr froh, dass unser Szenenbildner gelernter Architekt ist. Der hatte gleich die Übersicht und viele gute Ideen, damit wir die Logistik besser bewältigen konnten. Basis für die Farm war ein Container. Mit dem haben wir das ganze Baumaterial in den Tagebau transportiert und hinterher auch wieder mitgenommen. Und nachts war der Container auch der Lagerraum.
Linus: Wir durften im Tagebau auch nicht schlafen. Wir mussten jeden abend aus dem Tagebau raus und haben in Forst in der alten Grundschule geschlafen.

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Wieviel Tage habt ihr gedreht?
Anna:
13 plus einen Mini-Nachdreh. Wir hatten eben wirklich wenig Geld: 15.000 Euro. Davon mussten wir ein 40- 50-köpfiges Team zwei Wochen verpflegen, durch die tägliche Anfahrt hatten wir hohe Spritkosten, Kostüme, Austattung, Motorräder usw.
Linus: Unser zweites Set, das Piratenlager, war in Rüdersdorf – in einem alten Kalkbergwerk, das gerne für Filmaufnahmen genutzt wird.

War es schwierig, die Szene in 25 Minuten zu erzählen?
Anna:
Was wir gekürzt haben, war zum Beispiel eine längere Szene über die Reise mit dem Motorrad von der Farm zum Piratenlager. Das ist jetzt nur noch so eine kurze, fast psychedelische Sequenz. Auch der Handlungsstrang mit der Mutter ist rausgefallen. Es gab noch mehr Interaktion zwischen dem Jugen und seiner Mutter. Die Szenen haben uns auch gut gefallen. Aber wir hatten das Gefühl, das ist zuviel für 25 Minuten. Die wesentliche Handlung findet eben zwischen Sohn und Vater statt und dann ist noch die Schwester wichtig. Deswegen ist die Figur der Mutter fast weggefallen, nicht etwa weil die Schauspielerin nicht gut war oder so.
Linus: Als wir die Idee mit der Wüste und der post-apokalyptischen Welt hatten, war für mich klar, dass es eine Art Italowestern wird. Damit war auch klar, dass das Tempo eher langsam wird – lange Einstellungen, die in der Totalen die Wüste zeigen usw. Wir hatten die Wahl zwischen mehr erzählen oder die Bilder länger wirken zu lassen.

Könnt ihr noch etwas zu der beeindruckenden klassischen Musik erzählen?
Linus:
Die Musik konnte nur so entstehen, wie sie entstanden ist, weil der Film eine Koproduktion mit der HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam ist. Wir wollten mal mit anderen Studenten zusammenarbeiten. Der Soundtrack ist von Felix Raffel extra für den Film komponiert und mit dem Filmorchester Babelsberg eingespielt. Felix hat in Hannover an der Musikhochschule studiert und studiert jetzt im zweiten Semester Filmmusik an der HFF. Und er hatte im Rahmen des Studiums die Möglichkeit, die Musik mit dem Orchester einzuspielen. Er war ganz heiß darauf, viel mit Orchester zu instrumentieren. Das hatte ich mir erst gar nicht so vorgestellt, aber dann habe ich gemerkt: Das ist ein Film bei dem das geht.

Habt Ihr eigentlich ganz bewusst so einen Film mit großen Bildern und großer Musik gemacht?
Linus:
Ich muss zugeben, dass davon mehr in der Postproduktion entstanden ist, als ich eigentlich gerne zugeben möchte. Ich würde gerne behaupten, dass ich mir das von Anfang an so überlegt habe. Aber erst in der Postproduktion ist mir klar geworden, dass der Film mehr ist als einer Vater-Sohn-Geschichte. Er ist vor allem ein Bekenntnis zum Kino und erst in zweiter Linie ein Film über persönliche Konflikte. Ein Dozent von uns hat gesagt: Es gibt Filme über Menschen, das ist der Film nicht. Es gibt Filme über Situationen, das ist er eigentlich auch nicht. Der Film ist ein Film über Filme und das Filmemögen.

Erzählt doch zum Schluss noch etwas über Euer nächste Projekt „Dr. Ketel“.
Linus:
Das ist auch wieder ein gemeinsames Projekt. Das wird unser gemeinsamer Abschlussfilm.
Anna: Und unser erster langer Film.
Linus: Es geht um einen Arzt in Neukölln in einer sehr, sehr nahen Zukunft, in der das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Es ist sozusagen eine groteske Variante der Gegenwart. Der Arzt, der selber keine Approbation mehr hat, fängt wieder an zu behandeln, weil die Leute ihn brauchen. Er hilft ohne Anmeldung, ohne Termin, wo er gebraucht wird.
Anna: Und dabei bewegt er sich natürlich in der Illegalität. Der Film hat einen Hauch von Science Fiction, near future sozusagen. Wir machen gerade während der Recherche kleine Drehs. Wir sind mit unseren Schauspieler in Neukölln unterwegs und drehen explorative Szenen. Wir entdecken viele Dinge über das Machen.

Das Interview führte Steffen Wagner.

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Titel

Orignaltitel

The Boy who wouldn't kill

Credits

Regisseur

Linus de Paoli

Schauspieler

Judica Albrecht

Pit Bukowski

Jörg Bundschuh

Annelie Wagner

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2009

Dauer

25 min.

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