
...und der Väter Väter Väter Väter (Monty Python, Life of Brian)
So ehrlich muss Dokumentarfilm sein. So tief und erhellend und mutig kann er sein. Der junge, hochsympathische Regisseur und „Darsteller“ Jan Raiber beschloss, seinen ersten Film über die Suche nach seinem leiblichen Vater zu machen. Er offenbart die Idee zunächst seinen Geschwistern. Sein Bruder ist schockiert, weil er dachte, sein Vater sei auch Jans Vater "krass, krass" kann er immer nur sagen; die Schwester wusste um die Halbbruderschaft, hat aber immer geschwiegen. Mama und Papa ahnen was, als Jan von seinem Filmprojekt erzähllt, und unterstützen ihn bald in aller Ehrlichkeit, Befangenheit, Scham, begleitet von eigenen Ängsten und verdrängten Konflikten.
Alle meine Väter ist ein Film über das Paradox, dass es am allerschwierigsten ist, mit den Leuten über etwas sehr persönliches zu sprechen, die einem am nächsten stehen: der eigenen Familie.
Jan trifft nach über 20 Jahren den Vater Uwe:
„Weißt Du nicht wer ich bin?“
„Bist du Jan?“
"Ja."
"Das ist schön."
Wie bei dem Spiel mit dem Zettel auf die Stirn geht es in diesem Film ums Rollenraten. Wer bist du und wer bin ich deshalb? Denn wie sich schnell rausstellt, ist die zunächst einfach klingende Idee, junger Mann besucht leiblichen Vater, den er nicht kennt und guckt, was passiert, viel komplexer. Denn der Vater Uwe, der dachte er habe einen Sohn Jan und der Sohn Jan, der wusste, dass er einen leiblichen Vater mit Namen Uwe hat, von dem die Mutter sich trennte, um seinen „Papa“, seinen „sozialen Vater“ Jürgen zu heiraten, erfahren beide, dass Uwe, der brav 18 Jahre Alimente zahlte, auch nicht der echte Vater ist. Mutter hat ein großes Geheimnis gehabt. Der Echte weiß gar nicht, dass er einen Sohn hat. Das erfährt der Regisseur durch eine Mail seiner Mutter - und sieht nicht nur seinen Film, sondern sein ganzes Leben eine andere Richtung nehmen.

Von nun an begleitet der Regisseur sich selbst, seine Mutter und seinen Papa (Stiefvater) bei dem Prozess der Offenlegung alter Familiengeheimnisse, beim Ringen mit der Wahrheit und der Vergangenheit - was sogar die Großeltern noch betrifft. Denn naturgemäß hängt in einer Familie alles mit allem zusammen.
Ein grandioser Film, der die uralte Dynamik Vater-Sohn, konfliktbeladen meist, unheimlich prägend in jedem Fall (nicht weniger, wenn der Vater abwesend ist!) zum Anlass nimmt zu zeigen, wie sehr schon das simple Wissen, der einfache Satz „das ist nicht dein Sohn/Vater“ oder „das hier ist dein Sohn“ den ganzen Clan durcheinanderbringt. Denn der unbedingte Wille, ein einmal gefundenes Familiensystem nicht in Gefahr zu bringen, entfaltet eine unglaubliche Kraft, die nicht selten von Ängsten, Fehleinschätzungen, Neurosen und Selbstzweifeln begleitet werden - alles nur, damit sich nichts ändert. All die Erwartungen, die jeder meint erfüllen zu müssen und die er selbst an sich und an andere hat, erschaffen ein System falscher Rücksichtsnahme, Schweigen, Hinnehmen und Stillhalten.
Die berühmten Blutsbande und ihre Macht liegen in diesem Film wie offene Adern zutage. Die Angst vor der Wahrheit hat über Jahrzehnte alle und alles in einer Balance gehalten, die nun ins Wanken gerät. Am Ende aber, und das ist die ermutigende Botschaft des Films, sind alle glücklicher, erleichtert, einander näher - und einer in diesem Film ist sogar beglückt. Er hat nämlich den Sohn gefunden, den er sich immer wünschte. Eine Uhr, die bis dahin einander unbekannten Vater und Sohn auf einem Familienfoto betrachten und beide erkennen, wird zur wunderbaren Metapher für das gemeinsame, das die ganze Zeit da war.
Ein wunderschöner Film auch für Leute die aus einer klassischen Mama-Papa-Kind Familie kommen - denn Tabus, Schweigen, stille Abkommen und Geheimnisse gibt es in jeder Familie. In jeder.
Deutschland
Kommentare ( 4 )
Vielen vielen Dank für diesen wahnsinns Film! Ich finde diese Geschichte bereichernd für jeden und sehe ihn auch als Motivation, selbst über seine eigene Familiengeschichte nachzudenken und einiges zu hinterfragen und einfach auch mal über Dinge zu sprechen!
Nochmals vielen Dank!!!
Posted by Lotti | 17.02.10 20:16
Posted on 17.02.10 20:16
Wow! Grandiose Kritik, will den Film sehen!
Posted by rene | 18.02.10 13:36
Posted on 18.02.10 13:36
Ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm, der nicht nur das Thema umfassend darstellt, sondern durchgehend den Spannungsbogen hält und humorvolle Seiten hat. - Nicht zuletzt sind die Darsteller, obwohl (oder weil) sie Laien sind ausgepsrochen herzerfrischend und geben dem Film Pepp.
Posted by Monika Baecker-Baumeister | 20.02.10 14:51
Posted on 20.02.10 14:51
Hallo Jan, habe Deinen ganz besonderen mir nun schon 2x angesehen und es wird nicht das letzte mal sein. Der Film hat mich tief bewegt, zumal ich dich ein kleines Stück Deines Lebensweges mit als Freundin Deiner Eltern auf dem Zeltplatz in Hainrode begleiten durfte. Für mich waren Deine tiefen Gefühle in einigen Situationen des Filmes fühlbar und ich habe große Achtung vor dem Mut den ihr alle bewiesen habt.
Möchte dir nur sagen mach weiter so, ich denke Du bist ein sehr guter Regiseur.
Habe heute erfahren, daß du Papa geworden bist.
Dir und deiner Freundin und eurer kleinen Tochtr alles Glück dieser Erde ganz herzlich von Heidi und Hans
Posted by Heidemarie Schieke | 26.08.10 20:27
Posted on 26.08.10 20:27