"Genova" von Michael Winterbottom

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San Sebastian mag Michael Winterbottom. Michael Winterbottom mag San Sebastian. Eine gegenseitige Wertschätzung von der wir dieses Jahr wieder profitieren durften. Nach "Nine Songs" und "A Cock and Bull Story" hatte dieses Jahr auch das neueste Meisterstück von Winterbottom hier seine Premiere. "Genova" ist ein angenehm nüchterner und unaufdringlicher Film über ein sehr emotionales Thema: was machen wir, wenn ein Mensch, der uns sehr nahe steht, unvermittelt stirbt, wenn nicht nur er, sondern auch wir seines Lebens beraubt werden. Als Marianne bei einem Autounfall ums Leben kommt, verlieren die 10-jährige Mary (Perla Haney Jardine) und die 16-jährige Kelly (Willa Holland) ihre Mutter und Joe (Colin Firth) seine Ehefrau. Mary und Kelly waren beide bei dem Unfall mit im Wagen und der Umstand, dass Mary durch ein kindisches Spiel den Unfall letztlich verursacht hat, verstärkt das tragische Moment.

Nur kurz zeigt Winterbottom die Phase des Schmerzes und der Trauer, die unmittelbar auf den Verlust folgt. Er konzentriert sich vielmehr auf die Frage, wie das Leben nun weitergehen kann. 6 Monate nach dem Unfall beschließt Joe Chicago für ein Jahr zu verlassen und reist mit seinen Töchtern nach Genua. Er hofft durch den Wechsel auf den Alten Kontinent für alle Abstand zu gewinnen und tatsächlich bekommt der Neuanfang in der italienischen Stadt und an dem nahegelegenen Strand seine Konturen.

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Die älteste Tochter Kelly erlebt in Genua eine Zeit von sexuellen Erwachen und Erwachsenwerden: italienische Jungs, Sex, Alkohol, bekiffte Fahrten auf der Vespa, Abgrenzung durch die eigene Musik und die erste Rebellion gegen den Vater. Joe gibt an der Universität von Genua einen Sommerkurs in Englisch und sperrt sich nicht gegen den Reiz der Umwerbungen durch eine seiner Studentinnen.

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Mary wird noch immer von dem Schrecken des Unfalls und Schuldgefühlen heimgesucht, zunächst nur nachts in Albträumen. Dann meint sie auch tagsüber ihre Mutter zu sehen und beginnt die Erscheinungen in Bildern festzuhalten. Jeder der drei Familienmitglieder geht seinen eigenen Weg. Doch an den Punkten, an denen sie sich kreuzen wird klar, dass die Wege nicht nur den Einzelnen sondern auch das familiäre Zusammenspiel untereinander verändern.

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Es ist immer wieder beeindruckend wie nah Michael Winterbottom dem Zuschauer die Personen seines Films bringen kann. Durch die sehr einfach gehaltene Geschichte, die intime Spielweise der Schauspieler und eine musikalische Untermalung, die sensibel zu jeder Situation passend ausgewählt ist, taucht man in die Stimmung der drei Hauptfiguren und ihrer Umgebung ein. Am Strand, umgeben vom Geruch des Sonnenöl spürt man das Kribbeln in Joes Bauch, wenn er sich auf einen Flirt einlässt. Beim ausgelassenen Trinken von Kelly mit ihrer italienischen Clique möchte man am liebsten mitten drin sitzen und auch laut „Altra Pina Colada“ rufen. Die engen Gassen, aus denen plötzlich in Dunkel gehüllte Gestalten auftauchen, machen nicht nur Mary sondern auch uns ein unheimliches Gefühl. Winterbottom schafft eine natürliche Atmosphäre im Film, die nicht komponiert wirkt. Dennoch möchte man nicht auf ein einziges Bild verzichten. Daran hat nicht zuletzt auch die Arbeit des Kameramanns Marcel Zyskind ihren Anteil, der mit Winterbottom schon lange zusammenarbeit und 2005 in San Sebastian für seine Kameraarbeit in "9 Songs" ausgezeichnet wurde. Bei dem Drehbuch hat Michael Winterbottom übrigens wieder mit Laurence Coriat zusammengearbeit, die auch das Skript zu seinem Film "Wonderland" (1999) geschrieben hat.

Bei der abendlichen Pressevorführung vor überwiegend spanischen Filmkritikern wurde "Genova" nur sehr verhalten aufgenommen. Man kann davon ausgehen, dass in Spanien, wo Emotionen in intensiven Farbtönen wiedergegeben werden, das britische understatement, mit dem sich Winterbottom dem Thema widmet nicht jedermanns Sache ist. Da die Jury jedoch international besetzt ist, kann man darauf hoffen, dass Genova trotzdem angemessen gewürdigt wird

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Titel

Orignaltitel

Genova

Credits

Regisseur

Michael Winterbottom

Schauspieler

Hope Davis

Colin Firth

Perla Haney-Jardine

Willa Holland

Catherine Keener

Drehbuch

Musik

Melissa Parmenter

Land

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2008

Dauer

90 min.

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