„Gardens of the Night“ von Damien Harris

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"No direction Home"

Stell dir vor, dein Kind geht zur Schule, ein lauer Sommermorgen, du bist schon auf dem Weg zur Arbeit, irgendein Meeting, ein Termin, deswegen musstest du früher weg, oder ein Arzttermin. Irgendein Quatsch - den du für den Rest deines Lebens bereuen wirst. Denn der flüchtige Kuss für deine kleine 7-jährige Tochter mit den blonden Zöpfen und den streichholzdünnen Beinen wird der letzte sein, den du deinem Kind gibst. Für viele Jahre. Du denkst für immer. Sie ist weg. Kommt nicht wieder. Ist nicht tot. Viel schlimmer. Sie ist nicht tot. Du wünscht es ihr.
Diese Geschichte erzählt der Film. Aber nicht aus der Sicht der verzweifelten Eltern, sondern aus der Sicht des Mädchens und ihres Märtyriums in den Händen von Pädophilen.

Der Film hat zwei Teile: 45 Minuten sehen wir, wie zwei Männer die kleine Leslie (Ryan Simpkins) entführen und dann gefügig machen, mental weichkneten, bis sie glaubt, ihre Eltern wollten sie nicht mehr und sich Stockholm-Syndrom / Kampbusch mässig an die Entführer als diejenigen klammert, die für sie da ist. Obwohl sie diese Dinge mit ihnen machen, Dinge die in den Kindern alles zerstören, was Kind ist und ihnen fast alles nehmen, was es für ein gesundes Leben, auch als Erwachsener braucht.
Leslie lebt in dieser Hölle zusammen mit einem anderen entführten Jungen, Donnie (Jermaine Scooter Smith). Die beiden werden zu Bruder und Schwester im Leiden, basteln sich ihre eigene Welt. In dieser Welt als Mietfleisch für perverse Dreckskerle und ihre mentalen Überlebensstrategie, ihr Versprechen, einander nie zu verraten und zu verlassen begleiten wir schmerzhafte 45 Minuten Leslie und Donnie. Grandios dabei nicht nur die beiden Kinderdarsteller, sondern in seiner sympathisch, widerwärtigen Art auch der Anführer der beiden Männer, in deren Gewalt sie sind: -Alex, gespielt von Tom Arnold.

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Tom Arnold überraschte auf der Pressekonferenz die relativ kleine Journalistengruppe mit der Geschichte, selbst Opfer eines Pädophilen geworden zu sein. Nicht entführt, nicht auf Jahre vermietet, aber missbraucht. Er hat seinen Peiniger als Erwachsener aufgesucht und zur Rede gestellt. Er hat Plakate gehängt und sich mit Politik und Polizei in Verbindung gesetzt. Er konnte das tun, denn er hatte die Kraft und den Willen und die Erkenntnis, dass etwas schrecklich schief gegangen ist, als er ein Kind war. All das haben die meisten Kinder nicht, haben auch die beiden Figuren im Film nicht. Sie geben sich die Schuld, dass ihre Eltern sie nicht mehr wollten, sie sind für ihr Leben gezeichnet, weil die Menschen, denen man instinktiv vertraut als Kind, die Eltern, sie hintergangen haben. Glauben sie. Denn natürlich suchen die Eltern mit allen Mitteln - das können Leslie und Donnie nicht wissen. Und irgendwann ist es zu spät.

Denn die zweiten 45 Minuten zeigen Donnie (nun Evan Ross) und Leslie (Gillian Jacobs) mit 17 oder 18, sie leben als Straßenkinder in San Diego, gehen anschaffen, um mal ein Hotel bezahlten zu können. Alex und Frank sind sie entkommen. Wir sehen sie in diesem Leben zwischen Drogen, billigen Absteigen und Crackhäusern. Zu Hause? Gibt es nicht. Nicht in ihrem Kopf. Das Wort Eltern benutzen sie nicht. Sie sprechen auch nicht mehr über das, was war. Sie wollen überleben. Das haben sie gelernt, sich allein durchschlagen.
Als Leslie gerade noch die Kurve kriegt, bevor sie selbst ein kleines Mädchen an einen Perversen Ring heranführt und dann flüchtet, auch vor Donnie, und einem Jugendhaus mit dem Leiter (toll gespielt von John Malkovich) spricht, der sie mit einem Handzettel konfrontiert, darauf dem ihr Gesicht als kleines Mädchen, da bricht sie zusammen. Und entscheidet, zu ihren Eltern zurückzukehren. Doch man ahnt es schon: Da stehen Eltern vor einer fremden Tochter und diese Tochter vor zwei Menschen, die ihre Eltern sind, es aber nicht sein konnten in der Zeit, in der sie Eltern braucht. Es wird nicht gelingen.

Starker Tobak, alles andere als ein Wohlfühl-Film. Ein Film mit beeindruckenden Performances aller Schauspieler. Bildern, deren Horror ist, dass er den Horror nicht zeigt, sondern nur, was er mit den Kindern macht. Ein Horrorfilm für alle Väter und Mütter dieser Welt, die ihre Kinder lieben - aber, und auch das wird im Film erwähnt: sexueller Missbrauch findet fast immer innerhalb der Familie statt oder von Leuten, die den Eltern nahe stehen. Es ist gerade nicht der böse Onkel mit der Schokolade, sondern der echte Onkel, der Babysitter, der Nachbar, der eigene Vater. Was für ein schrecklicher Verrat.

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Titel

Orignaltitel

Gardens of the Night

Credits

Regisseur

Damian Harris

Schauspieler

Tom Arnold

Gillian Jacobs

John Malkovich

Evan Ross

Ryan Simpkins

Land

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2008

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