
Der erste Film des Max Ophüls Festivals geht da los, wo ich heute Morgen um 5 in die U-Bahn stieg: Eberswalder Str., Berlin Prenzlauer Berg. Und da, zwischen Schummelkneipen und Sushi Shops, entlang der Danziger und davon nach Rechts und Links spielt sich auch das Leben von Jürgen ab: Ein Versager mit viel Optimismus und noch mehr (dämlichen) Ideen, wie man zu Geld kommen kann, der (warum?) von einem Filmteam beim Scheitern begleitet wird.
Der Film „Über Wasser gehen“ kann sich nicht entscheiden. Er will „Mocufiction“ sein (also ein Film der vorgibt dokumentarisch zu sein, wie Stromberg im Fernsehen als prominentes Beispiel) und auch etwas über diese Typen am Prenzlauer Berg, vielleicht sogar ein kleines Portrait der beschworenen "flexiblen" (ein Wort das Jürgen oft benutzt) Arbeitswelt von Heute sein.
Im Programm war nicht erkennbar, ob dies wirklich ein Dokumentarfilm ist. Aber schon in den ersten 30 Sekunden, nach einem gestelzten Dialog und als man Peter Fieseler, der den Jürgen spielt, in einem hellblauen Blouson über sich und das Leben fabulieren hört, weiß man: ist doch ein Spielfilm. Der klingt nach Ruhrpott, oder so wie...ja wie man versucht zu klingen, wenn man der nette Kumpel von nebenan ist. Aber es klingt eben nur so wie.
Und dann folgen Interviewsequenzen mit Jürgen und seinem Umfeld, es gibt auch noch ein wie ich finde unpassendes Voiceover in dem Jürgen über die Arbeitswelt faselt und am Ende, in der letzten Szene, stellt das bis dahin unhör- und sehbare „Filmteam“ auch noch eine Frage. Zu viel. Zu uneinheitlich und unentschieden das alles.
Jürgen, der irgendwo zwischen sympathischen Arschloch und verbimmelten Phantasten changiert, ist nicht stark genug als Figur. Fast alle Figuren, ob seine Freundin, blonde Arzthelferin (natürlich mit Namen Cindy), die mit einem gefakten Berliner Akzent, den sogar Nicht-Berliner als aufgesetzt empfinden dürften, seine Kumpel, die Teilnehmer in dem Ich-AG Seminar (Sacko, Seidenhalstuchtypen) - sie alle bleiben Klischee und eindimensional.
Der Film hat aber auch seine Momente, wenn Jürgen zum Beispiel bei einem Ich-Ag Seminar während des Dummgeschwätz eines Referenten seine Krawatte auf Papier nachmalt oder wenn er in einem alberen Sushikostüm rumrennt und von Erfolg und Perspektiven schwadroniert.
Insgesamt schwankt „Über Wasser gehen“ zu sehr zwischen überzeichneter Groteske und tragischer Verliererstory (mit Humor). Es fehlen ihm wirklich glaubwürdige Figuren und das Konzept den Film als Doku aufzuziehen, funktioniert aus meiner Sicht nicht.
Aber Berlin im Sommer, das spielt der Film, und da freu ich mich jetzt schon drauf.
Kommentare (2)
Na, da fühlt sich wohl jemand in seinem hippen Prenzlauer-Berg-Nest auf den Schlips getreten! Ich fand den Film jedenfalls recht treffend.
Ich komme zwar nicht aus Berlin, bin aber ab und an dort und kann durchaus bekanntes erkennen. Im Übrigen kommt der Film im
Feuilleton der gestrigen FAZ seltsamerweise außerordentlich gut weg.
Eine Anmerkung und eine Fragen hätte ich noch.
Dieses Genre heißt nicht "Mocufiction“, diesen Ausdruck gibt es nämlich gar nicht, sondern Mockumentary. Und die haben in der
Regel nicht vor, so zu tun, als seien sie echte Dokumentarfilme, sondern sie spielen nur mit der dokumentarischen Form.
Und: was um alles in der Welt sind denn bitte "Schummelkneipen"?
Posted by Walter Heinze | 22.01.08 16:17
Posted on 22.01.08 16:17
Nö, gar nicht auf den Schlips getreten. So Typen gibts zu Hauf. ich fand ihn nur nicht gut dargestellt, das ist das Problem.
Mocumentary. Sehr richtig. Man kommt aber auch durcheinander mit den englischen Fachtermini :-)
Und Schummelkneipen, das sind die, wo schon morgens um halb 9 das Schultheiss Bier fließt und die trotz Rauchverbot noch in 10 Jahren nach kaltem Rauch müffeln werden. Also eigentlich richtig gute Absturzkneipen, wie das Doors in dem Film...
Posted by Christian | 22.01.08 16:38
Posted on 22.01.08 16:38