Von Briefmarkensammler zum Politik-Meister in 10 Tagen

wahlkampf_auf_japanisch.jpg

"Senkyo - Campaign" von Kazuhiro Soda (Forum)

Erstaunlich wie Menschen und was für Menschen und aus welchen Gründen zu Politikern werden. Der 40 jährige Münz und Briefmarkensammler Kazuhiko Yamauchi wird von der LDP (Regierungspartei in Japan seit 1955, mit drei Jahren Unterbrechung!) völlig überraschend zum Kandidaten für die Stadtratswahlen bestimmt.
Er hatte einen kleinen Münzladen und wird im Wahlkampf als Experte für Budget angepriesen, als Self-Made Unternehmer, der frischen Wind in die Politik bringt (in Wirklichkeit hatten sie nur NOCH ungeeignetere Kandidaten).
Eigentlich ist der Mann ein sympathischer, aber unbeholfener, unerfahrener, uncharismatischer ein wenig hektischer Typ, der nun bestimmt und selbstsicher, dauergrinsend, Parolen verkündend, Versprechen machend auftreten soll.

Die altgedienten Partei„Sensei“ (Meister) sind besserwisserische, erzkonservative, arrogante, authoritäre Männern, die unglaublilch territorial agieren („Sie haben Glück, dass wir sie unterstützen, aber nur dieses eine Mal, das sie das nicht vergessen“). Es gibt keine Szene im Film, in der sie ihn nicht spüren lassen, dass er ein Niemand ist, dass er nichts weiß und nichts kann. Sie bevormunden ihn und seine Frau, die sich statt „die Ehefrau von Yamauchi“ im Wahlkampf „die Hausfrau“ von Yamauchi nennen muss, obwohl sie das Geld nach Hause gebracht hat, das er nun für seinen Wahlkampf verbrät, und raten ihr, sie soll ihren Beruf aufgeben, das wirke besser (soviel zur Emanzipation in Japan).

„Wenn wir nicht gewinnen, werden wir bankrott sein“, sagt Yamauchis Frau in einem stillen Moment. Denn Wahlkampf in Japan ist am Anfang komplett eigenfinanziert. Erst wenn man ein Amt HAT, finden sich Unterstützerkommitees und Geldgeber, die aber natürlich alle ihre Interessen über den Politiker durchzusetzen wollen.

Die Wahl für den einen freien Sitz im Stadtrat ist von großer Bedeutung, denn wenn Yamauchi verliert, verliert die LDP die Mehrheit im Stadtrat. So kommt es zu einem außergewöhnlichen Aufmarsch aller Parteigrößen bis zum damaligen Premier Koizumi in diesem ansonsten unbedeutenden Vorort von Kawasaki. Aber obwohl es um viel geht, ist die Hierarchie in der Partei so groß, dass Yamauchi beim Auftritt des Ministerpräsidenten nicht mit ihm zusammen auf die Bühne darf, und dass die Fahne mit seinem Namen an der Bühne, nur weil sie vergessen wurde, noch hängt - was ihm die anderen Parteitypen auch sagen.

Kurz gesagt: Yamauchi ist eine überforderte, arme, aber wirklich nette Wurst, der von den Zwängen und Ritualen der Politik noch nicht rundgeschliffen wurde. Der Wahlkampf ist an Absurdität kaum zu beschreiben: Ständig mit Lautsprecherwagen durch die Stadt fahren und Parolen brüllen, vor U-Bahn Ausgängen Leute mit Lautsprecher nerven, Kindergarten-Feiern, Renter-Turnen besuchen, zig 1000 mal verbeugen und weil die Parteistrategen sagen: „Die Leute hören sowieso nur 3 Sekunden zu, musst Du es schaffen alle 3 Sekunden Deinen Namen zu sagen, damit sie ihn nicht vergessen!“, bemüht er sich, das zu schaffen.

„Herr Wichmann von der CDU“ über einen jungen Wahlkämpfer in Brandenburg ist ähnlich bizarr; und so wie man dort viel über das politische System, den Demokratiefrust und das Interesse der Leute an Politik in Deutschland lernen konnte, so lernt man in „Campaign“ sehr viel über Japans Politik, die knallharten Hierarchien und Ehrenkodizes und, dass nur die Kinder zurückwinken und lächeln.

Am Wahlabend wird es bizarr: Als nach einem Kopf an Kopf Rennen endlich klar ist, das Yamauchi tatsächlich mit 1000 Stimmen Vorsprung knapp gewonnen hat, ist der Gute verschwunden und nicht aufzufinden. Er lässt die gesammelte Parteispitze, die ganzen großkopferten „Sensei“ warten, weil er nach Hause gegangen ist, und nicht getan hat, was ihm irgendwer befohlen hatte: Vor der Tür warten.
Während sie auf den neuen „Sensei-Yamauchi“ warten, sagt einer der Herren: „Unglaublich, er lässt uns warten! In Samurai Zeiten, hätte er nun Hara-kiri begehen müssen.“ Und einige nicken, keiner lacht.

Kommentiere den Film oder den Eintrag

Titel

Orignaltitel

Senkyo

Englischer Titel

Campaign

Credits

Regisseur

Kazuhiro Soda

Land

Flagge JapanJapan

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2007

Dauer

120 min.

Related

Kazuhiro Soda (Regisseur)

BERLINALE 2018

Minatomachi (Regisseur)

Impressum