Ein glückliches Leben ist möglich aber unwahrscheinlich

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„AlleAlle“ von Pepe Planitzer (Perspektive Deutsches Kino)

Für Hajo Domühl (Milan Peschel) läuft es nicht. Er ist ein Säufer, macht gerade mit seiner Gerüstbaufirma pleite und jetzt sitzt er volltrunken in seinem Wagen auf der Landstraße irgendwo im gottverlassenen Brandenburg und die Karre verreckt. Auf einmal ein Wunder: Die alte Mühle fährt wieder, allerdings nur durch Muskelkraft bewegt. Hagen (Eberhard Kirchberg) schiebt. Hagen ist ein Baum von einem Kerl. Hagen schiebt Domühl wie ein Berseker über fünf Kilometer, was auch damit zu tun hat, dass Hagen geistigbehindert ist. Am Nachmittag hat in das Heim losgeschickt, er soll jetzt bei seinem Onkel wohnen. Doch den findet Hagen nicht, stattdessen landet er mit seiner Käfigmaus in Domühls versiffter Wohnung mitten im Nichts in südlich von Berlin.

Domühl ist nicht gerade sympathisch. Ein echter Spinner, der im Suff dummes Zeug erzählt und vor allem über Ina (Marie Gruber) nachdenkt, die gerade aus dem Knast kommt und jetzt in der Wohnung über ihm wohnt. Die Ina will er klarmachen, wie er Hagen erzählt. Und man hat den Eindruck, dass er Hagen vor allem deshalb bei sich hausen lässt, weil er ihn ohne Unterbrechung volltexten kann, ohne dass der widerspricht.

Ina dagegen fühlt sich einsam und vom Aufschneider Domühl abgestoßen. Das seltsame Trio (oder Quartett, wenn man die Maus mitzählt) lebt ziemlich hoffnungslos in dem fast abbruchreifen Haus. Doch langsam ändern sich die Dinge. Domühl übernimmt auf seine nölige Art Verantwortung für Hagen, auch wenn er ihn eigentlich loszuwerden versucht. Ina findet einen Job im örtlichen Schnapsladen und verliebt sich in Domühl, nachdem der ihr mit Blumen für 170 Euro und einen selbstgebastelten Holzschiffchen auf etwas verquere Weise den Hof macht. Denn Domühl ist ein verkrachter Romantiker, der die gesamte ehemalige russische Kaserne „Altes Lager“ geerbt hat. Die hatte sein Vater in einem Anfall von Größenwahn für 1 Mark erstanden, bevor er besoffen auf dem Gerüst erfror. Nun sitzt Domühl auf der völlig wertlosen Liegenschaft und baut dort riesige Holzmodelle von Autos, Schiffen oder dem Fernsehturm für Spielplätze.

Trotzdem sieht auf einmal alles etwas besser aus. Die, die fast am Ende sind, stützen einander und retten durch ihre gegenseitige Hilfe ihren letzten Rest von Würde und Hoffnung. Dann droht das endgültige Aus: Die Bank dreht Domühl den Geldhahn zu, Ina muss wegen der Auseinandersetzung in einer Kneipe wieder in den Knast und Hagen, dessen Onkel sich inzwischen mit dem ersten Pflegegeld ins Ausland abgesetzt hat, spült in einem Anfall verzweifelter Solidarität, weil Domühl ja auch alles verloren hat, seine Maus im Klo herunter.

Regisseur Pepe Planitzers Drehbuch basiert auf dem Theaterstück „Burnout“ von Oliver Bukowski. Ihm ist eine Adaption gelungen, die ohne jede Effekte den Schauspielern Raum für eine manchmal bedrückend realistische Darstellung gibt. Die emotionale Beziehung der Figuren trägt den Film. Eberhard Kirchberg hat den Part des Hagen bereits auf der Bühne übernommen. Der Kontrast seines wortlosen Spiels zu dem am Rande der Verzweiflung brabbelnden Peschel und der tieftraurigen aber kämpferischen Marie Gruber als Ina macht „AlleAlle“ zu einem großen kleinen Film. Das bestätigte auch der minutenlange Beifall nach der Aufführung am Dienstag.
„AlleAlle“ hat eine emotionale Tiefe, die den meisten Filme auch mit riesigem Aufwand nicht gelingt. Die verzweifelte Situation der Charaktere wirkt realistisch, obwohl sie fast absurd ist. Am Ende macht die Dramaturgie wieder eine Kurve zum Guten. Doch der Zuschauer spürt, dass diese Hoffnung trügerisch ist. Wenn nur noch die einander stützen, die schon am Boden liegen, ist das eine sehr wackelige Angelegenheit. Ein glückliches Leben ist möglich aber unwahrscheinlich.

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Titel

Orignaltitel

Alle Alle

Credits

Regisseur

Pepe Planitzer

Schauspieler

Marie Gruber

Sonja Hilberger

Eberhard Kirchberg

Milan Peschel

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2007

Dauer

86 min.

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