Das Leben ist ein Kitschroman

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„Angel“ von François Ozon (Wettbewerb)

Angel Deverell schreibt mit echter Leidenschaft inbrünstige Liebesromane – und trifft damit in England in den Jahren vor den Ersten Weltkrieg den Geschmack der Leser, wenn auch nicht den der Kritiker. Mit dem eisernen Willen versehen, die Welt ihren Träumen anzupassen, schafft Angel den Aufstieg aus der Backsteinsiedlung ins herrschaftliche Anwesen, und holt sich schließlich ihren Traumprinzen ins Haus. Doch dann beginnt ihr Stern zu sinken, der Traum zerbricht Stück um Stück. Hört sich nach einem Melodrama aus den 50er Jahren an? Richtig. François Ozon hat seinen Wettbewerbsbeitrag „Angel“ an genau diesem Genre ausgerichtet – und es gleichzeitig weiter entwickelt. Angel ist grotesk und anrührend, manipulativ und naiv zugleich, und vor allem ist sie – das wird schon in den ersten zwanzig Minuten des Films klar – eine ganz furchtbar schlechte Schriftstellerin.

Das Ungewöhnliche an Angel ist dabei, dass sie nicht einen Augenblick lang an ihrem Können zweifelt. Überhaupt baut sie sich ihre Welt wiedewiedewie sie ihr gefällt. Widersprüchlichkeiten werden entweder achselzuckend ignoriert oder nach den Vorgaben ihrer eigenen Schnulzenromane uminterpretiert. Dabei ist Romola Garai als Angel manchmal so zickig wie Scarlett O’Hara zu ihren besten Zeiten, dann wieder knallhart pragmatisch wie ein echtes Working-Class-Girl, und in seltenen Momenten aufrichtig verletzlich. „Die Stärke deines Schreibens liegt darin, dass du nur mit dir selbst kommunizierst, nicht wahr?“, sagt ihr Mann Esmé einmal zu ihr. Esmé selbst kommt aus einer reichen Familie, malt düster-avantgardistische Bilder, die mit allgemeinem Entsetzen betrachtet werden, zweifelt natürlich ständig an sich und seiner Kunst, und führt das Leben eines Bohemiens – bis ihn Angel unter ihre Fittiche nimmt. Ein Porträt, das er von Angel malt, erinnert ein bisschen an das Bildnis des Dorian Gray.

Eine sehr schöne Rolle hat Charlotte Rampling als Gattin von Angels Verleger – eine spitzzüngige Intellektuelle, die unter keinen Umständen die Fassung verlieren würde. Überschreiten die pubertären Provokationen von Angel das Maß des Erträglichen macht sie keine Szene, sondern verlässt gemessen den Raum mit den Worten: „I’m off to feed the canaries.“ Aus Frau Ramplings Mund ist das wirkungsvoller als jedes Türenschlagen.

In opulenten Bildern malt „Angel“ die Welt seiner Protagonistin auf die Leinwand: da stimmt jedes Detail in der Kameraführung, jedes Stück der Ausstattung und jeder Farbtupfer, jedes Kostüm hat seine Bedeutung (für das Team muss das einerseits die Hölle gewesen sein, andererseits spricht man ja dann im Nachhinein immer von einer sehr inspirierenden Erfahrung). Angel schafft sich einen eigenen Kosmos außerhalb der eigentlichen Realität, und das spiegelt sich auch in ihren Kleidern wider. Sie trägt wogende Röcke zu einer Zeit, als sich die Frau von Welt in eng geschnittene Kostüme zwängt. Was am Anfang noch wie eine charmante Extravaganz wirkt, bekommt zum Ende hin einen gruseligen Touch, etwas Gespenstisches. Man denkt an Bette Davis und Baby Jane. Und Angel ist konsequent – selbst ihr eigenes Scheitern inszeniert nach den Regeln ihrer Kitschromane.

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Titel

Orignaltitel

Angel

Credits

Regisseur

François Ozon

Schauspieler

Romola Garai

Sam Neill

Charlotte Rampling

Land

Flagge BelgienBelgien

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2007

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