Wettbewerb: "The Road to Guantanamo" von Michael Winterbottom & Matt Whitecross

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Das Absurdeste zuerst: Die Szenen, die im Gefangenenlager Guantanamo auf Cuba spielen, wurden in Teheran gedreht. Am ganz anderen Ende auf Bushs Achse der Guten und Bösen. Und gerade in den dort gedrehten Szenen zeigt Winterbottom, wie die USA ihre ureigensten Werte verraten haben, um sich der Illusion von Sicherheit und eines Krieges alter Machart (Die gegen uns) hingeben zu können. Mit schrecklichen Folgen für diejenigen, die dabei ins Fadenkreuz der Terroristenjäger geraten.

Man hat sich an die Existenz von Guantanamo gewöhnt, obwohl wir wissen, was dort vor sich geht: Etwa 300 Menschen werden ohne Anklage, ohne die Möglichkeit ihre Familie oder Anwälte zu sprechen, in Käfigen wie im Tierheim gehalten. Sie werden gefoltert und bei kleinsten Vergehen in Einzelhaft gesteckt, manchmal wochenlang, sie werden ständig befragt, verhört, beschimpft und damit gebrochen. Man will von den wahllos eingekerkerten Männern erfahren: Wo ist Bin Laden. Die Frage ist so verrückt, dass die Zuschauer im Kino nur noch lachen konnten, als der CIA Mann sie einem der Jungen schließlich stellt. Aber zum Lachen gab es sonst wenig in dem Film...

„The Road to Guantanamo“ erzählt in Interviews mit den ehemaligen Häftlingen, Orginalbildern aus dem Krieg und Spielszenen die Odyssee drei junger Briten, von denen zwei nach dem Film auch auf dem Podium der Pressekonferenz saßen. Ruhel, Asif haben in Guantanamo wirklich 3 Jahre ihres Lebens verbringen müssen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sind.

Es macht an dieser Stelle keinen Sinn, nachzuerzählen wie genau sie dort hingeraten sind. Nur soviel: Alle drei sind in England aufgewachsen und normale Birmigham Kids; 20 Jahre alt brechen sie im Herbst 2001 zu einer Hochzeit nach Pakistan auf und dann – in einem Impuls den man nur jugendliche Naivität und Übermut nennen kann – fahren sie über die Grenze, um zu sehen was wirklich abgeht in Afghanistan und vielleicht zu helfen. Eine Aktion, zu der eigentlich viel mehr Leute den Mut aufbringen sollten, um sich nicht auf die kriegstrunkenen und angstschürenden Medien zu verlassen, für die jeder Mann mit Bart ein „gefährlicher Talibankämpfer“ ist.

Diese Atmosphäre der Vorverurteilung und des Misstrauens schwang auch auf der Pressekonferenz in einigen (zum Glück wenigen) Fragen der Journalisten mit, wenn die beiden Ex-Gefangenen gefragt wurden, wie viele der Männer in Guantanamo denn ihrer Einschätzung nach wirklich Terroristen seien. Völlig irrelevant diese Frage. Denn selbst wenn Ruhel, Asif und Shafiq die einzigen Nicht-Taliban in Guantanamo gewesen sein sollten (was nach den Erkenntnissen aus diesem Film sehr, sehr unwahrscheinlich ist) dann bleibt die Existenz des Lagers trotzdem eine Schande. Aber weil die beiden heute dichte Bärte tragen, ist da dieser Reflex, ihnen und damit der ganzen Geschichte zu misstrauen. Irgendwer muss doch schuld und böse sein.

Wie paranoid Amerika mit den Gefangenen umgeht, kann man im Film schön an dem „Squad Team“ sehen, das mit Rüstung, Helmen, Schilden und Knüpplen jedes Mal zu viert auftritt, wenn ein Gefangener aus seinem Käfig zum Verhör geführt wird. Der Gefangene muss ich auf den Boden legen und dann hocken die vier vollverkleideten Marines auf ihm fesseln ihn, Kapuze, Fussketten, das ganze Programm. Gerade so, als verfügten diese runtergekommenen, psychisch gebrochenen Menschen über Superkräfte und könnten im nächsten Moment ihren James Bond Laserfüller einsetzen oder ins Batmobil hüpfen und davonfliegen. Gott, wie krank.

Jetzt habe ich kaum was über den Film gesagt, aber so ist das, wenn man ihn gesehen hat. Er hat sein Ziel erreicht.
Es gab viel Applaus nach der Vorstellung. Ich glaube auch wenn der verklungen ist, wird das Gesehene den meisten so schnell, trotz Berlinale Fieber, wieder aus dem Kopf gehen. Deshalb ist es ein guter und gut gemachter, ein wichtiger Film.

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Titel

Orignaltitel

The Road To Guantanamo

Credits

Regisseur

Mat Whitecross

Michael Winterbottom

Schauspieler

Rizwan Ahmed

Farhad Harun

Waqar Siddiqui

Arfan Usman

Land

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2006

Dauer

95 min.

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