Wettbewerb: Offside von Jafar Panahi (II)

"Was ist bloß los mit euch Teheraner Mädchen?"

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Iran gegen Bahrain. Qualifikationsspiel für die WM in Deutschland. Die fußballbegeisterte Stadt Teheran ist in heller Aufregung. Fahnen, bemalte Gesichter, Sprechchöre – junge und ältere Männer strömen ins Stadion. Und wenn man genau hinschaut, steckt unter dem einen oder anderen Basecap auch ein Mädchengesicht. Weibliche Fußballfans gibt es auch im Iran. Allerdings müssen sie sich als Jungs tarnen, um ins Stadion zu gelangen. Was passiert, wenn die Verkleidung dieser Mädchen auffliegt? In Jafar Panahis "Offside" nichts wirklich Schlimmes – denn die erwischten Mädchen sind erfrischend selbstbewusst, bringen die Ordnung der Dinge ins Wanken, und entlarven mit Witz und Raffinesse die Absurdität des Stadionverbots.

Nahezu in Echtzeit erzählt, folgt der Film einer Handvoll Teenager-Mädchen, die von Kontrolleuren enttarnt worden sind und jetzt in einem abgezäunten Bereich im Stadion festgehalten werden. Später sollen sie der Sittenpolizei übergeben werden. Ein paar Soldaten aus der Provinz müssen die jungen Damen solange bewachen. Den Kopf hängen lässt kaum eine von ihnen. Im Gegenteil: sie sind widerborstig, diskutieren mit den Soldaten, und kosten diese so manchen Nerv. Und sie beharren ganz selbstverständlich auf ihrem Recht, ein echter Fußballfan zu sein.

Das Drumherum – die Stimmung im Stadion, die elektrisierten Fans – gibt dem Film einen fast dokumentarischen Rahmen. In diesen baut Panahi mit einem schönen Gespür fürs Timing gute Dialoge und slapstick-reife Szenen ein: Etwa als einer der Soldaten das Spiel in einer Art Mauerschau kommentieren muss, weil die Mädchen den Rasen nicht sehen können. Leider hat der junge Mann nicht so wahnsinnig viel Ahnung von Fußball, und die Mädchen fachsimpeln ihn in Grund und Boden.

Eines der Mädchen bittet darum, aufs Klo gehen zu dürfen. Damit es auf dem Weg dorthin keinen Aufruhr gibt, muss sie sich ein Plakat mit dem Gesicht von Ali Daei vor ihr eigenes Gesich binden. Die Tschador-Parodie, die in dieser Szene steckt, wird nicht mit erhobenem Zeigefinger betont, sondern geschieht angenehm nebenbei.

"Was ist bloß los mit euch Teheraner Mädchen?", ruft einer Soldaten einmal verzweifelt aus.Und in der Tat: diese Mädchen sind keine armen Opfer, sie sind aufmüpfig und phantasievoll. Eine hat sich als Soldatin verkleidet und auf der Sondertribüne Platz genommen, eine andere lässt sich das Rauchen nicht verbieten und treibt ihre Bewacher immer wieder argumentativ in die Enge. Warum dürfen Frauen nicht ins Stadion? Weil es sich nicht schickt, inmitten all dieser Männer zu sitzen. Und wenn sie sich von ihren Brüdern und Vätern begleiten lassen? Das bringt nichts, weil die anderen Besucher ja nicht wissen, dass es ihre Brüder und Väter sind. Außerdem werde im Stadion viel zu viel geflucht. Eines der Mädchen schlägt vor, sie könne ja einfach weghören.

Ganz groß an diesem Film: Er zeigt die Mädchen als echte Fußballfans, er macht ihre Begeisterung für das Spiel fühlbar. Letztlich ist diese Begeisterungsfähigkeit Kern der hier positiv dargestellten Verbindung zwischen den Menschen – egal ob Mann oder Frau. Sich zusammen freuen, sich ohne Scheu zu streiten, aber auch füreinander da sein – das ist die gesellschaftliche Utopie, die "Offside" über den Weg dieses gelungenen Fußballfilms ausformuliert.

Die Abwesenheit echten Schreckens in diesem Film ist vielleicht ebenfalls eine Utopie, vielleicht ist das auch zu kritisieren. Andererseits muss man immer im Auge behalten, welche Geschichten auf welche Weise zu erzählen für einen im Iran arbeitenden Regisseur möglich ist. Jedenfalls schaut man diesem pfiffig erzählten Film über das subversive Aushebeln von Unterdrückungs- und Ausgrenzungsmechanismen sehr gerne zu.

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Titel

Orignaltitel

Offside

Credits

Regisseur

Jafar Panahi

Schauspieler

Shayesteh Irani

M. Kheyrabadi

Ida Sadeghi

Safar Samandar

Sima Mobarak Shahi

Land

Flagge Islamische Republik IranIslamische Republik Iran

Jahr

2005

Dauer

88 min.

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