Wettbewerb: Elementarteilchen von Oskar Roehler (2)

Ein Herz für die Elementarteilchen

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Regisseur Oskar Roehler sagt, er habe es nicht übers Herz gebracht, die Figuren in seinem Film "Elementarteilchen" im Stich zu lassen. Produzent Bernd Eichinger ergänzt, man habe bei der Verfilmung des Romans von Michel Houellebecq "einen ganz anderen Spirit" erzeugen wollen. Leider ist diese humanistische Anwandlung, die wohl auch mit Blick auf die Kinokassen enstand, in die Hose gegangen: Das Konzept, die "Elementarteilchen" zu domestizieren, geht nicht auf. Wo bei Houellebecq, seines Zeichens Berufszyniker und Moralist (doch, das kann man kombinieren), die Unmöglichkeit menschlicher Beziehungen die totale Isolation bedeutet, wo Porno und Asexualität irgendwann auf denselben Punkt zulaufen, zaubert Roehler schwuppdiwupp wie ein Kaninchen aus dem Hut die Liebe als heilende Kraft. Das passt leider hinten und vorne nicht zur Geschichte. Der Rest des Films ist über weite Strecken flacher Klamauk und Psychologie für Anfänger.

"Elementarteilchen", Buch wie Film, handelt von zwei Halbbrüdern, die als Kleinkinder von ihrer Hippie-Mutter im Stich gelassen wurden. Der eine wird dadurch furchtbar gehemmt, der andere entwickelt sich zum Sexbesessenen. Christian Ulmen überzeugt als hochintelligenter Klemmi, der darüber nachdenkt, wie lange er Menschen die Hand schütteln soll. Moritz Bleibtreu spielt seine Rolle aus "Agnes und seine Brüder" gleich noch mal und ist als Dreingabe noch ein bisschen rassistisch. Beide spielen sie durchaus passabel, aber die Figuren bleiben ohne Tiefe. Beide Männer finden als total verkorkste Existenzen sehr spät die Liebe ihres Lebens – Franka Potente respektive Martina Gedeck – und in beiden Fällen wird diese Liebe auf tragische Weise fast zerstört. Aber eben nur fast.

Dramaturgisch ist die Bemühung allzu deutlich erkennbar, aus jeder Szene entweder einen Lacher oder ein Staunen herauszuschinden. Mal wirds rührselig, wenn Franka Potente alte Fotos ihrer Jugendliebe hervorkramt, mal grotesk, wenn Christian Ulmen dabei zusieht, wie seine verstorbene Oma wortwörtlich auf die Schippe genommen wird. Hippies sind immer für einen Lacher gut, und selbst die kleinsten Nebenrollen sind so hochkarätig besetzt, dass man immer was zu gucken hat.

Martina Gedeck als desillusionierte, aber mutige Liebende hat ihrer Figur als einzige ein derart starkes Eigenleben verschafft, dass es im Kopf der Zuschauer die Spielfilmlänge überdauern dürfte. Aber sie ist auch die Meisterin der genialen Zurückhaltung. Und diese Spielweise kontrastiert wohltuend mit dem, was der Film ansonsten alles will und nicht kann.

Unterm Strich kann man nur sagen: Schade eigentlich. Oskar Roehler ist zurzeit einer der interessantesten deutschen Regisseure. Mit "Die Unberührbare", "Der alte Affe Angst" und "Agnes und seine Brüde"“ hat er gezeigt, dass er der richtige Mann für neurotische Stoffe ist. Und doch hätte man gewarnt sein müssen: Megaproduzent Eichinger ist, gelinde gesagt, noch nie durch Radikalität aufgefallen.

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Titel

Orignaltitel

Elementarteilchen

Englischer Titel

The Elementary Particles

Credits

Regisseur

Oskar Roehler

Schauspieler

Moritz Bleibtreu

Martina Gedeck

Corinna Harfouch

Nina Hoss

Uwe Ochsenknecht

Franka Potente

Jasmin Tabatabai

Christian Ulmen

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2005

Dauer

105 min.

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