Panorama: Brothers of the Head von Keith Fulton und Louis Pepe

Sex & Drugs und Rebellion

"Sie rocken einfach total!" O-Ton eines hysterischen Teenagers, schweißüberströmt und glücklich, nach einem ekstatischen Auftritt von "The Bang Bang". Die Band, das sind in erster Linie Tom und Barry Howe, selber noch Teenager und vor allem siamesische Zwillinge. Man schreibt die 70er Jahre in England, Punk ist noch lange nicht tot und ein cleverer Musik-Manager hat erkannt, dass die Zeit reif ist für eine Freak-Show. "Brothers of the Head" ist der erste Spielfilm von Keith Fulton und Louis Pepe, und sie haben ihn als Mischung aus fiktionaler Dokumentation und Roadmovie inszeniert, basierend auf einem Roman des Sci-Fi-Autors Brian Aldiss. Dass die Zuschauer bisweilen die verschiedenen Realitäts- und Zeitebenen durcheinander bringen mögen, ist nicht weiter schlimm. Faszinierend ist der Sog, den die Geschichte entwickelt – durch die Erzählstruktur und durch die Musik, die aus allen Poren das, nun ja, Underground-Gefühl verströmt: Sex & Drugs und Rebellion.

Der Film setzte ein wie eine Mischung aus Charles Dickens und Schauerroman. Man sieht die Brüder auf Schnappschüssen ihrer Kindheit, man blickt auf die karge Landschaft, das Steinhaus. Auftritt des modernen Kinderhändlers, der dem Vater die Söhne abkauft – für eine Kariere im Showbiz. "Zeitzeugen" werden interviewt – der Geldgeber, dessen aalglatte Vaudeville-Persönlichkeit aus einer völlig anderen Epoche zu kommen scheint, der ehemalige Bandkollege, jetzt ein bisschen dicker und melancholischer als früher, der ehemalige Aufpasser der beiden Stars und Mädchen für alles, jetzt eine gebrochene Existenz.

Tom und Barry sind eine intime Einheit, von klein auf die unmittelbare Nähe, die Vertrautheit und Zärtlichkeit des anderen gewohnt. Und doch sind sie zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Ein bisschen wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde ergänzen sich der aufgeschlossene, optimistische Tom und der grüblerische, aggressive Barry. Mühsam ist der Weg zur Rockband, man muss Gitarre lernen und singen, und fein geht es dabei nicht immer zu. Als die Jungs bei ihrem ersten Auftritt als Freaks beschimpft werden, löst das den eigentlichen Durchbruch in der Szene aus: Die Geste der Rebellion – Essenz des Punk – wird von Tom und Barry zur wütenden Verteidigung der eigenen Identität und Individualität als das, was und wer sie sind. Das Publikum zollt Respekt.

Die Jungs vom Lande nehmen jetzt Drogen wie Bonbons, sie experimentieren mit Sex und der Liebe, und immer öfter kuscheln sie weniger miteinander als dass es zu "gewalttätigen Vorkommnissen" kommt, wie eine der "Zeitzeuginnen" es formuliert. Der Zerfall wird sichtbar: Verschmierter Kajalstift um die Augen, exzessiv mit Botschaften des Zorns beschmierte Wände, ein Brotmesser wird zum spielerischen Requisit bei der Frage, ob es jemals Tom ohne Barry und Barry ohne Tom geben könnte.

Ausgebeutet und manipuliert sind Tom und Barry in jedem Fall, aber auch grenzenlos in ihrer innigen Zweisamkeit, die immer mehr zur Hassliebe wird. Leicht kann und soll man sich keinen Reim auf die beiden machen. Die grobkörnigen, verwackelten Bilder, die als Doku im Film eingebaut sind, der zornige Soundtrack – das beschert dem Film Unmittelbarkeit und Nostalgie zugleich.

Was dann, zum Schluss passiert, ist natürlich Legende. Schließlich ist das hier Rock’n’Roll.

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